Tag 31: Cee – Finisterre

In der Nacht wurde ich ein paarmal wach.. hatte aber keinen klaren Gedanken dabei. Vielleicht wurde mir jetzt einfach bewusst, dass tatsächlich meine aller letzte Etappe ansteht. Richtig früh aufstehen musste ich sowieso nicht für die restlichen km, da ich die zwei Tage zuvor ordentlich Strecke gemacht hatte. Bis Finisterre waren es von hier aus gerade einmal noch 13 km. Um kurz vor acht stand ich auf, machte mich in Ruhe fertig und war einer der letzten Pilger in der Herberge. Das Wetter an diesem Morgen war wieder ein Traum, keine Wolke am Himmel. So verließ ich den kleinen Ort Meter für Meter.

Bucht von Cee am frühen Morgen

Als es dann doch wieder leicht bergauf ging, dachte ich, das muss jetzt wirklich der letzte Anstieg sein, ich war doch schon am Meer :-)

In einem Moment bewunderte ich noch diesen fantastisch klaren Blick auf die Bucht von Cee um schon kurz darauf zu beobachten, wie ein Mix aus Wolken und Nebel den Blick Stück für Stück verschleierte…

spektakulär wie schnell sich das Bild änderte

Meinen ersten Stopp an diesem Morgen legte ich in Sardiñeiro de Abaixo ein. Ich wusste ja, dass es bis Finisterre nur noch ein Katzensprung war, so trank ich mit großer Gelassenheit schon nach einer Stunde unterwegs sein, meinen ersten Kaffee. Ich entdeckte ein kleines Café direkt an der Strandpromenade. Dieses war auf der anderen Seite direkt mit der Straße verbunden. Sardiñeiro selbst wirkte noch sehr verschlafen gegen neun Uhr morgens. Zum xten Male gab es für mich einen Kaffee, einen Orangensaft und ein Croissant :-). Bis zum heutigen Tag wurde ich dieses Frühstück nicht leid… Allein der frisch gepresste Orangensaft war jeden Morgen der Hammer!

Ganz allein saß ich in dem kleinen Café, weit und breit waren keine anderen Pilger auszumachen… Im Hintergrund lief der Fernseher mit den Nachrichten des Tages. Nach der kurzen Pause ging es weiter und nach all den Tagen entdeckte ich doch tatsächlich noch etwas Neues auf dem Weg. An einer steileren Straße, die etwas außerhalb von Zentrum lag, standen ältere Bewohner, vorwiegend Frauen vor ihren Häusern und warteten… Aber worauf nur!? Der Camino führte mich genau hier lang… Als ich ca. die Hälfte der Straße passiert hatte, erschien hinter mir ein kleiner Lieferwagen, aus dem ein Mann alle paar Meter ausstieg, um frische Brötchen an jedes dieser Häuser zu liefen… Mir gefiel der Service, auch weil die älteren Leute vielleicht nicht mehr die Gelegenheit hatten ohne fremde Hilfe in die Stadt zu kommen!

Das Wetter war zum Wandern heute Morgen wieder perfekt, leichte Bewölkung am Himmel, aber bei weitem nicht so kalt wie in den vergangenen Tagen. Nachdem ich die Anhöhe gemeistert hatte, ging es eine ganze Weile durch herrlich duftende Pinienwälder stetig bergab….

Und dann war es soweit… Nach weiteren zwei Stunden Gehzeit erreichte ich den breiten Sandstrand von Finisterre. Von hier aus waren es jetzt nur noch schlappe vier km bis ins Zentrum. Schwer zu beschreiben, was in diesem Moment alles in mir vorging… Zu aller erst war da dieser herrliche Blick auf den unendlich langen Strand…

Freude durchzog meinen Körper, so kurz vor dem Ziel zu sein, aber auch die Gewissheit, dass das Ende meiner Reise unmittelbar bevorstand… Ich verharrte dort, genoss diesen tollen Anblick und gleichzeitig die Ruhe die mich umgab… Einige Minuten später setzte ich mich wieder in Bewegung.

Ich überlegte erst die Schuhe auszuziehen um mit den Füßen im Wasser am Strand entlang zu laufen, nahm dann aber den schmalen Steg der vor mir auftauchte. Einige Meter weiter stieß ich auf einen kleinen Stand.

Ich musste stehen bleiben. So viele bemalte Jakobsmuscheln, von denen ich mir eine aussuchte und dem Künstler eine angemessene Spende hinterließ. Leider war von ihm weit und breit nichts zu sehen, aber ich freute mich über ein sehr schönes Andenken. Als ich den Strand hinter mir gelassen hatte und kurz vorm Zentrum war, stoppte ich nochmals für einen Kaffee. Ich wollte mir die Situation noch einmal bewusst machen tatsächlich angekommen zu sein. Es ging mir aber auch das durch den Kopf was ich einmal in einem Bericht gelesen hatte…

„Warte immer eine Weile vor deinem Zielort, damit deine Seele dich einholen kann“. Denn nur zu Fuß hält die Seele Schritt…

So nahm ich mir die Zeit, trank meinen Kaffee und blickte aufs Meer…

Beim Bezahlen holte mich dann wieder die Realität ein, als ich bemerkte, dass ich mein letztes Kleingeld gerade dem Künstler als Spende hinterlassen hatte. Mmmhhh, da war nur noch ein 20 Euro Schein im Portemonnaie. Leider konnte mir die Besitzerin des Cafés darauf nicht raus geben, da sie bisher kaum Wechselgeld in der Kasse hatte… So lud sie mich kurzerhand zu dem Heißgetränk ein. Mit einem Muchas Gracias bedankte ich mich vielmals bei ihr und machte mich auf die letzten Meter.

Ein paar Straßen weiter war es geschafft… Finisterre war erreicht! Gefühlt sollten doch jetzt Fahnen am Rand des Weges geschwenkt werden…:-P Nicht nur für mich, für alle Pilger, die bis hierhin kamen! Aber nichts dergleichen passierte…

Der Weg führte mich fast automatisch an der Pension Lopez vorbei, in der ich mich für drei Nächte einquartiert hatte. Ich checkte ein und hatte die Auswahl zwischen einem Zimmer im Haupt- oder Nebenhaus. Der Preisunterschied pro Nacht lag bei 10 Euro. So warf ich einen Blick in das Nebenhaus, welches nur zwei Minuten entfernt lag und entschied mich für die preiswertere Variante. Man was freute ich mich endlich wieder ein eigenes Bett zu haben. Es war nur ein kleines Zimmer, aber das war völlig ausreichend.

Unmittelbar nachdem ich das Zimmer bezogen hatte und meinen Rucksack auf den Boden plumpsen ließ, genehmigte ich mir eine Dusche, machte mich schnell frisch und ging in das kleine Städtchen am Ende der Welt. Ich musste jetzt nichts mehr waschen oder für den nächsten Tag vorbereiten. Ein fremdes Gefühl, so ohne Rucksack los zu ziehen… Als ob etwas fehlte… Auch wenn ich am Ziel war, musste das alles doch erstmal richtig sacken…

Kurz vorm Hafen entdeckte in an einer Ecke ein kleines Restaurant, wo mir ein Schild mit der Aufschrift „Weißwurst mit süßem Senf“ ins Auge sprang… Ich musste lachen. Na, wenn das keine Einladung war, sich hier nieder zu lassen. Es gab noch ein paar freie Plätze im Auenbereich, wo ich mich auch hinsetzte. Mich trieb jetzt nichts mehr. Zur Feier des Tages gönnte ich mir ein Schnitzel mit Pommes… ganz klassisch :-P und wie geil das schmeckte! Maja und Theresia waren auch in Finisterre angekommen und gestellten sich etwas später zu mir. Nach einem kurzen Smalltalk beschlossen wir gemeinsam zum Leuchtturm zu gehen. Es waren ja „nur“ noch 2,5 km. Logischerweise ging es bergauf und auch diese Strecke zog sich noch einmal, bis wir leicht angeschwitzt den Leuchtturm erblickten. Die Sonne stand hoch am Himmel und nur vereinzelt zeigte sich hier und da eine Wolke.

Oben angekommen führte uns der erste Weg zum berühmten 0,00 km Stein. Überflüssig zu erwähnen, dass hier die Hölle los war. Jeder Pilger, der bis hierhin gegangen war, wollte allein oder mit anderen zusammen ein Foto mit diesem Stein ergattern…

mit langem Haar und vollem Bart angekommen in Finisterre

Die Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen und so nutzte ich einen „freien Slot“ um auch mein Foto dort zu machen… :-) Wir drei liefen weiter bis wir einen sensationellen Ausblick auf den riesigen Atlantik hatten…

Etwas abseits des Leuchtturms befand sich ein kleines Café in dem wir auf der Terrasse einen Platz für uns ergattern konnten. Unseren Blick natürlich Richtung Sonne gerichtet. Als wir da so saßen, lernten wir Jean-Marie aus Belgien kennen, der ebenfalls dieses Fleckchen für sich entdeckt hatte. Wir tauschten uns über den Weg aus und was wir alles bisher so erlebt hatten auf den vielen Kilometern bis hierhin.

Als wir uns so unterhielten, kam auf einmal Gerd um die Ecke! Das gibt es nicht, dachte ich :-) schoss aus meinem Sitz und freute mich wahnsinnig ihn wiederzusehen… ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet ihn hier noch einmal zu treffen. Wir fielen uns die Arme und seine Begleitung war so geistesgegenwärtig diesen Moment in einem Foto festzuhalten.

Er erzählte mir, dass er ab Santiago den Bus genommen hatte und konnte daher so schnell in Finisterre sein. Wir hatten uns das letzte Mal vor über zwei Wochen gesehen. Ein guter Moment um Anzustoßen. Wir bestellten gemeinsam eine Flasche Rotwein und schauten der Sonne beim Untergehen zu. Kurz bevor sie ganz verschwunden war, dachte ich mir, jetzt wäre der richtige Moment Papas Zigarre zu nehmen und diese oberhalb der Klippen anzuzünden. Sie hatte die Reise bis hierher gut überstanden und war mein ständiger Begleiter im Rucksack. Papa liebte das Meer… ihn hat es auch immer magisch angezogen… mit den Gedanken ihn an das Meer zu übergeben, rieselte Stück für Stück etwas Asche zu Boden… Dies wäre hier bestimmt sein Lieblingsplatz gewesen… Mach´s gut Papa!

Wunderschön versank die Sonne am Horizont als wir wieder gemeinsam in dem Café zusammensaßen.

Kurz darauf wurde es dann aber ruck zuck kalt, sodass es uns zurück in die Stadt zog. Theresia und ich beherzigten den Tipp von Jean-Marie doch einfach ein Auto anzuhalten, welches auf dem Weg nach unten war:-). Das dritte Auto hielt dann tatsächlich an… Auf der kurzen Fahrt nach unten, unterhielten wir uns mit dem spanischen Paar und waren im Nu wieder im Zentrum von Finisterre. Wir schlenderten durch die Gassen in Richtung Meer und entdeckten ein Restaurant welches von außen schon sehr nobel aussah. Spontan entschieden wir uns rein zu gehen und hatten Glück, da ein paar Tische noch ohne Reservierung waren. Beim Blick auf die Karte entdeckten wir einige, wenn auch kostspielige Leckereien… Heute durfte es mehr als ein Pilgermenü sein:-). Wir belohnten uns mit zwei tollen Gerichten. Theresia gönnte sich Schweinefleisch am Spieß hängend und für mich sollte es eine große Portion Thunfisch sein. Sooo lecker, was da vor uns auf dem Tisch stand. Die freundliche Kellnerin empfahl uns dazu den passenden Rotwein. Er passte perfekt dazu. Ein gelungener Abschluss eines fantastischen Tages.

Nach diesem grandiosen Essen und dem tollen Abend verließen wir das Restaurant und suchten beide unsere Unterkünfte auf. Genau in diesem Moment war der Akku meines Handys leer, sodass ich tatsächlich die Orientierung in dem kleinen Ort verlor. Theresia war leider schon zu weit weg… Der Zufall meinte es wieder gut mit mir, als mir im nächsten Augenblick Maja entgegenkam. Sie schaute auf ihr Smartphone und gab mir den entscheidenden Tipp in welcher Richtung meine Pension lag. Ein paar Minuten später stand ich in der besagten Nebenstraße und war zu Hause.

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